AW gehört zum Kreis jener kleinen Unternehmen, die sich um die Jahrhundertwende (in diesem Fall tatsächlich im Jahr 2000) nicht mehr damit abfinden wollten, dass zwei große Firmen den Markt an Rohrblättern für Holzblasinstrumente unter sich aufteilen. Zu dieser Zeit entstanden zum Beispiel mit Alexandre, Brancher oder François Louis interessante, aber eben auch sehr individuelle Alternativen zu Rico und Vandoren, die schnell einen Kreis neugieriger Musiker für sich begeistern konnten. Heute verdanken wir dieser Tatsache eine weitaus größere Auswahl – und ausgezeichnete Produkte wie AW-Reeds!

Die deutsche Firma wurde von Martin Spangenberg, Hermann Uhl und Alexander Willscher gegründet, hat ihren Sitz in Nürnberg und fertigt nicht nur Saxophon-, sondern auch Klarinetten- und Bassetthornblätter. Auf der Website versichert man, ausschließlich mit französischem Holz aus der Region Var zu arbeiten, die als Lieferant erstklassiger Arundo Donax-Qualitäten bekannt ist. Natürlich ist man angetreten, alles besser zu machen und sieht man mal von subjektiven Faktoren ab, so scheint das größtenteils auch zu gelingen. Zunächst die Verpackung: Die Schachtel ist aus Pappe, jedes Blatt wurde liebevoll in ein hübsches Papiertäschlein gesteckt, das auch noch per Steckverschluss gesichert ist – da freuen sich Umwelt und  Auge, sieht man mal vom etwas 80er-mäßigen Design der Schachtel ab.

Getestet wurde mit Brancher E31 metall, Brancher L29 Kautschuk und Selmer C*-Mundstück, um die Flexibilität der Blätter auf die Probe zu stellen. Haptisch sind diese superglatt, aber dennoch mit feinem Halt wohl das Angenehmste, was mir seit langem auf den Ansatz gekommen ist. Keine rauhen Hobel, sondern sehr elegante Lippenschmeichler, eine tolle Fertigungsqualität, die Maßstäbe setzt. Der Ausschuss liegt bei drei getesteten Schachteln gleichmäßig bei einem Blatt pro 5er-Packung, also 20%, wovon Saxophonisten sonst eigentlich nur träumen können. Vier gute Blätter auf einen Schlag, das gibt es nur selten, scheint hier aber zumindest beim getesteten Jahrgang (und der steht hier zwar nicht auf der Packung, spielt aber durchaus eine große Rolle) die Regel zu sein.

Klanglich orientiert sich AW mit diesem Schnitt eindeutig am modernen Saxophonisten. Eine knackige, aber immer weiche Basis stützt brillante Obertöne und in den oberen Mitten hat man hier offenbar ganz bewusst eine Absenkung vorgenommen, die das bei anderen Blättern immer wieder gern auftauchende Nörgeln überhaupt nicht aufkommen lässt. Nun ist das aber bei insbesondere jenen Musikern durchaus beliebt, die sich dem Hardbop oder auch dem typischen Swingsound verschrieben haben. Sagen wir es mal so: Coltrane hätte diese Blätter nicht gespielt, Brecker schon. Oder mit einem anderen Genre: Stan Getz nicht, Steve Cole hingegen schon. Interessant ist allerdings der Wechsel auf Kautschuk. War Stärke 3 beim Metallmundstück die perfekte Wahl (die Blätter lassen sich durch den obertonreichen Schnitt etwas leichter spielen als etwa Vandoren Java), so muss ich beim L29 auf 2,5 runter und bekomme dafür einen wunderschönen Sound für Jazzstandards mit angenehmem Subtone. Auf dem C* gehe ich auf 3,5 und freue mich an einem Klassikklang, der höchstens noch ein wenig mittenreicher sein könnte, aber hierfür gibt es ja einen besonderen Klassikschnitt, den ich mangels Material aber noch nicht testen konnte.

Haltbar sind die Blätter ebenfalls, so dass ich AW-Reeds 722 Jazz auf jeden Fall jedem empfehlen kann, der einen brillanten, kraftvollen und flexiblen Klang sucht – für mich persönlich das ideale Blatt für Smooth-Jazz, Funk und Soul.

Auf dem Altsaxophon ist der Eindruck nicht so homogen wie auf dem Tenor: Die Verarbeitung ist zwar von der gleichen, extrem hohen Qualität, klanglich unterscheiden sich die Blätter allerdings doch stärker als vermutet. So sind von 5 Stück zwei recht muffig, die verbleibenden drei klingen sehr mittig und sind für den Gebrauch mit einem Metallmundstück nur dann zu empfehlen, wenn man wirklich jenen David Sanborn-Sound sucht, der ja von den strahlenden hohen Mitten lebt. Mit einem Kautschukmundstück wie etwa Meyer 6 oder Brancher L21 entwickelt sich hingegen ein sehr angenehmer, heller und dennoch warmer Sound, der insbesondere Liebhaber von Cannonball Adderley oder Maceo Parker ansprechen dürfte. Insgesamt ein gutes Produkt, das in der Alto-Fassung jedoch nicht ganz meinen persönlichen Ansprüchen genügt.

AW Reeds1 AW Reeds2b
AW Reeds3 AW Reeds4