Steve Reich "New York Counterpoint"

erschienen in der ARDESA-Ausgabe vom

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Steve Reich “New York Counterpoint"

New York Counterpoint (1985) ist eine Fortsetzung der Ideen, wie sie in Vermont Counterpoint (1982) entwickelt wurden: Ein Solist spielt gegen ein von ihm vorgefertigtes Tonband an. In New York Counterpoint nimmt der Solist zehn Klarinetten- und Baßklarinetten-Stimmen auf Band auf und spielt zusätzlich eine elfte Stimme live gegen das Tonband. Die Kompositionsprozesse greifen auf Verschiedenes zurück, das bereits in meiner früheren Musik zu finden war. So ist der einleitende Impuls dem Anfang der Music für 18 Musicians (1976) entnommen. Der Gebrauch von ineinandergreifenden, sich wiederholdenen 'Patterns', die immer und immer wieder vom gleichen Instrument gespielt werden, sind auch in meinen frühesten Werken, Piano Phase (für 2 Klaviere oder 2 Marimbas) und Violin Phase (für 4 Violinen), beide von 1967, zu finden. Aber was den Charakter der 'Patterns', ihre harmonische Kombination und die schnellere Wechselrate angeht, so reflektiert das Stück meine erst kürzlich entstandenen Werke, insbesondere das Sextet (1985).

New York Counterpoint hat drei Sätze: Schnell, langsam, schnell, die ohne Unterbrechung gespielt werden. Die Tempowechsel sind abrupt und stehen in der einfachen Relation von 1:2 zueinander. Dem Stück ist das Metrum 3/2 = 6/4 (=12/8) zugrundegelegt. Da es häufiger vorkommt, daß ich in diesem Metrum schreibe, stellt sich eine Zweideutigkeit ein, bei der man einen Takt entweder als Dreiergruppe aus vier Achtelnoten oder als Vierergruppe aus drei Achtelnoten zu hören glaubt. Im letzten Satz von New York Counterpointübernimmt die Baßklarinette die Aufgabe, den Akzent zunächst auf die ersten und dann auf die anderen der genannten Möglichkeiten zu legen. So wird mit dem Akzentwechsel erreicht, daß die Wahrnehmung von etwas verändert wird, was in Wirklichkeit unverändert bleibt. (Steve Reich)

Arrangiert für Saxophon wurde der New York Counterpoint von Susan Fancher, die vom Komponisten die freundliche Genehmigung und Anerkennung erhielt. Die Uraufführung fand am 17. Dez. '95 im Ensemble-Theater Wien mit dem Wiener Saxophonquartett statt. Es gibt von dem Arrangement zwei Fassungen - für Saxophonquartett mit Tonband oder für Sopransaxophon solo mit Tonband. Denkbar ist es auch, daß der Tonbandpart live gespielt wird.

Das Stück ist bei Boosey und Hawkes verlegt.