Georges Sporck

Entdeckungen im Saxophonrepertoire Teil III

erschienen in der ARDESA-Ausgabe vom

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Auch im dritten Teil dieser Reihe wird eine Auftragskomposition von Elisa Hall besprochen. Die "Légende" von Georges Sporck wurde am 2. Januar 1906 in Jordan Hall uraufgeführt. Der Bericht über dieses Konzert in der Boston Daily Evening Transcript vom 3. Januar 1906 erwähnt nur den Soloauftritt von Mrs. Hall, gab aber keinen weiteren Kommentar zu der Komposition .

Der Komponist Georges Sporck war anscheinend nicht von großer Bedeutung, denn bei der Suche nach der Person Sporck, seinem Leben und Schaffen, lassen sich kaum Informationen finden.

Nach Riemann´s Musikenzyklopädie wurde Georges Sporck, obwohl von böhmischer Herkunft, am 9. April 1870 in Paris geboren. Er studierte am Pariser Konservatorium u.a. bei Guiraud, Th. Dubois und Vincent d´Indy. Der Kontakt mit d´Indy ist für uns von Bedeutung, denn, wie wir gleich sehen werden, hat Sporcks "Légende" für Saxophon und Orchester große Ähnlichkeiten mit d´Indys "Choral Varié".

Sein Schaffen umfaßt Orchesterwerke (u.a. ein Konzert für Klarinette), Kammermusiken (dabei verschiedene salonartige Stücke für Bläser und Klavier), Klavierstücke und Lieder. Daneben schrieb er Analysen von Werken von Bach, Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Schumann .u.a.

Er starb a 17. Januar 1943 in Paris.

Welche Bedeutung das Saxophon für Sporck hatte ist schwierig nachzuvollziehen, aber anhand der in Jean-Marie Londeix´s Buch "125 Jahre Musik für Saxophon" (Leduc) publizierten Liste seiner Kompositionen für Saxophon, als auch einiger Angaben in den, zur Zeit bei Billaudot noch vorhandenen Werke, ergeben sich folgende Bemerkungen zu dieser Frage:

1.) Die bei Billaudot lieferbaren Kompositionen nennen sich "Solo et piano", woraus zu schließen ist, daß die Stücke auch für andere Instrumente spielbar sind und wahrscheinlich nicht speziell für Saxophon komponiert wurden. Das die Komposition "Meditation op. 37" und "Orientale" auch in einer Liste mit Werken für Klarinette erwähnt werden, ist der Beweis dafür.

2.) Die "Légende" trägt die Opuszahl 54. Es gibt keine späteren Opuszahlen zu den Kompositionen für Saxophon. Nur die "Novelette" trägt das Copyright-Jahr 1911 und dürfte also nach der "Légende" komponiert sein. Hat Sporck, aus welchem Grund auch immer, nach dieser "Légende" das Interesse am Saxophon verloren?

3.) Ich habe keine Angaben gefunden, woraus man schließen könnte, daß Sporck das Saxophon in einer oder mehreren Kompositionen aus dem kammermusialischen oder symphonischen Bereich verwendet hat.

Als Schlußfolgerung kann man also sagen, daß die "Légende" die einzig wichtige Komposition für das Saxophon ist. Ein "Lied" für Saxophon und Orchester oder Klavier, in der Londeixschen Liste benannt, ist mir nicht bekannt.

Die kompositorische Qualität der Soli mit Klavier geht nicht über das Niveau der impressionistischen Salonmusik hinaus. Leider ist mir aus dem restlichen Schaffen von Sporck keine einziges Stück bekannt. Eine Beurteilung seines Oeuvres ist mir daher nicht möglich.

 

Légende pour Saxophone avec accompagnement de piano ou orchestre

Als im Mai 1904 Elisa Hall in Paris den von Vincent d´Indy komponierten "Choral Varié" aufführte, war Georges Sporck, wie viele andere der damaligen Pariser Musikwelt, sicherlich auch anwesend. Ob er seinen Auftrag, ein Werk für Saxophon und Orchester zu schreiben, seinem Lehrer d´Indy zu verdanken hat, läßt sich nur vermuten. Sicher ist aber, daß er den "Choral Varié" als Vorlage für seine eigene Komposition genommen hat. Bevor ich dieses anhand einiger Beispiele verdeutlichen werde, möchte ich aber erst Georges Sporck selbst zu Wort kommen lassen. Meine Fassung für Saxophon und Klavier enthält nämlich eine komplette Formanalyse des Stücks, und die erste Bemerkung lautet:

Nota 1: Die Komposition wurde im Juni 1905 vollendet und, wie schon erwähnt, um Januar 1906 uraufgeführt.

Vergleichen wir nun die ersten vier Takte der beiden Stücke "Légende" und "Choral Varié".

Wenn wir uns dieses kleine Fragment anschauen, können wir mehrere Ähnlichkeiten feststellen:

a) Die Tempoangabe Metronomindikation) ist gleich: 66 Viertelnoten/Minute

b) Das Hauptthema steht in einer moll-Tonart. Bei d´Indy c-moll, hier g-moll.

c) Bei beiden Kompositionen sehen wir einen 3/4tel-Takt und eine fast gleiche Rhythmik des Themas.

d) Der melodische Verlauf des Hauptthemas wirkt wie ein Siegelbild.

 

Nach der Einleitung erklingt im Saxophon das Hauptthema; bei d´Indy finden wir einen einzigen Übergangstakt, bei Sporck erscheint zuerst eine Kadenz für den Solisten. Danach wiederholen beide Komponisten das Thema im Orchester (Notenbeispiel 2) - d´Indy geht nach Es-Dur über, Sporck bleibt in g-moll. Man vergleiche auch die Begleitfiguren und den harmonischen Verlauf.

Als zweites Thema erscheint bei Sporck ein Choral in d-moll. Dieser Choral zeigt wieder rhythmische und melodische Übereinstimmungen mit der g-moll Stelle (Seite 3, 1er Mouvement) bei d´Indy. Auch Sporck verwendet eine Tonleiterfigur um in der Wiederholung der ersten vier Takte die Choralmelodie eine Oktave (d´Indy) bzw. zwei Oktaven (Sporck) höher klingen zu lassen.

Dieser Vergleich der Exposition zeigt meines Erachtens deutlich, daß Sporck die Komposition seines Lehrers als Vorbild genommen hatte. Im weiteren Verlauf gehen beide Komponisten ihren eigenen Weg. D´Indy bleibt bei seinem Choralthema und Sporck entwickelt die "Légende" auf klassische Art, wobei das Hauptthema in einem "Agitato" gespielt wird, die Durchführung als "Assez vif" und der Solist durch zwei Kadenzen hervortritt. Der Schluß zeigt aber wieder Ähnlichkeiten, Nicht nur der Schlußton `e´, auch die Picardischen Terzen wurden übernommen.

Technisch gesehen ist Sporcks "Légende" anspruchsvoller als der "Choral Varié", ohne aber echte Probleme vorzuweisen. Hie und da können ganztaktige

Quintolen und Septolen den Solisten vor geringe rhythmische Schwierigkeiten stellen, aber professionelle Saxophonisten werden diese Komposition ohne Probleme spielen können.

Nach meiner Meinung ist auch der musikalische Wert dieses Stückes nicht geringer als der , des "Choral Varié" . Georges Sporck hat mit seiner "Légende" ein nicht uninteressantes Werk geschrieben, das sich gut für ein Soloprogramm eignet. Auch für den fortgeschrittenen Schüler eignet sich das Stück gut als Einstieg in das klassische Repertoire.

Gerne hätte ich noch die Partitur dieser Komposition studiert, aber ein diesbezüglicher Brief an den Verlag Billaudot blieb leider unbeantwortet.

Literaturangaben:

- Riemann´s Musikenzyklopädie

- Fred Hemke, The Early History Of The Saxophone

- Jean-Marie Londeix, 125 Jahre Musik für Saxophon, Leduc, Paris

- G. Sporck, Légende op. 54, Fassung für Saxophon und Klavier, Billaudot, Paris

- G. Sporck, Chanson d´Antan op. 18, Altsaxophon und Klavier, Billaudot, Paris

- G. Sporck, Mèditation op. 37, Altsaxophon und Klavier, Billaudot, Paris

- G. Sporck, Novelette, Altsaxophon und Klavier, Billaudot, Paris

- G. Sporck, berb. H. Voxman, Novelette, Tenorsaxophon und Klavier, Rubank

- Vincent d´Indy, Choral Varié

Ton Verhiel