Zum Tode von Garry Mulligan

von Christian Pfarr, erschienen in der Clarino vom

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Zum Tode von Gerry Mulligan

Er war unter den berühmten Baritonsaxophonisten der bei weitem beste Arrangeur und von den langhaarigen Musikern mit Abstand der coolste - und obwohl er mit fast allem, was er anpakte, stilbildend wirkte, geschah dies doch eher beiläufig und stets unaufgeregt. Als Gerry Mulligan am 20. Januar in Darien/Connecticut starb, verlor die Jazzwelt einen eigenwilligen Gentelman und die Bläsermusik den entscheidenden Fürsprecher eines bis dahin weitgehend unterprivilegierten Instruments.
Mulligan begann seine musikalische Laufbahn als Pianist und fand über die Klarinette und das Tonorsaxophon zum Baritoninstrument. Das spielte er allerdings mit einem verblüffend schlanken Ton und einer geradezu klarinettenhaften Geschmeidigkeit, die man vorher nicht für möglich gehalten hatte.
Wie beinahe alle Großen des Modern Jazz sammelte 1927 in New York geborene Mulligan Erfahrungen im Swing, in seinem (Glücks-) Fall in der Band des Schlagzeugers Gene Krupa. Gleichzeitig mit seinem rasch wachsenden Ruf als Soloist erwarb er schon in jungen Jahren bedeutendes Renommee als Arrangeur - unter anderem für Stan Kenton und vor allem für Miles Davis, bei dessen wegweisenden Capitol-Aufnahmen in den Jahren 1949 und 1950 Mulligan als Saxophonist, Arrangeur und Komponist gleichsan zum Patent des Cool Jazz wurde.
Und dann kamm das Jahr 1952, in dem der gerade 25-jährige etwas machte, was bis dahin kein Jazzer gewagt hatte, ein „moderner“ schon gar nicht: Mulligan, der gelernte Pianist, stellte ein pianoloses Quartett zusammmen, das außer ihm nur noch Baß, Schlagzeug und einem weiteren Bläser bestand - kein Harmonieinstrument, keine Akkordbegleitung im konventionellen Sinne! Klar, das diese - im übrigen ständig umbesetzte - Combo mit ihrer dezent köchelnden Kontrapunktik in die Jazzgeschichte einging, zumal sich Mulligans Mitspieler wie ein „Who is Who“ des modernen Jazz ausmachten. Zu den bedeutendsten zählte der Trompeter Chet Baker, mit dem Mulligan zeitweilig eine Art Wahlverwandtschaft verband, zum Dioskurenpaar des Hard Bop, Miles Davis und John Coltrane, bildete.
Seit den sechziger Jahren bereicherte Mulligan die Jazzgemeinde weniger durch inovative Impulse als vielmehr durch souverän ausgespielte Alleskönnerschaft und sein subtiles Charisma. Ab den späten Sechzigern, vor allem aber nach dem Tod des Altsaxophonisten Paul Desmond im Jahr 1977, machte Mulligan auch als Mitglied des Dave Brubeck Quartetts von sich reden. Regelmäßig und gern trat er in Deutschland auf.
Auch die deutsche Jazzszene ist dem Grandseigneur des Baritonsaxophons zu bleibendem Dank verpflichtet.

Christian Pfarr