Faszination Klang

Geschichte und Gegenwart des Saxophonquartetts

von Thomas Ehlke, erschienen in der Clarino vom

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Thomas Ehlke

Faszination Klang
Geschichte und Gegenwart des Saxophonsquartetts

Am Anfang steht Faszination. Jene Faszination, die schon den Erfinder, danach Komponisten und Interpreten packte und bis heute nichts von ihrem Reiz verloren hat. Die Faszination heißt Klang, Vielfalt und Virtuosität. Das Saxolphonquartett - ein kammermusikalisches Genre, das immer mehr Freunde und Protagonisten gewinntund dennoch bislang einem breiten Publikum weitgehend verborgen blieb. Es herrscht jedoch Aufbruchstimmung. Nicht nur an der musikalischen Basis in Musikschulen, Konservatorien oder Vereinen, auch im professionellen Musikleben wächst die Zahl der Ensemblegründungen.
Die Wiege des „Wunderhorns“ stand in Paris des 19. Jahrhundert. Als Antoine-Joseph, genannt „Adolphe“ Sax am 22. Juni 1846 die im ganzen acht Mitglider zählende Saxophonfamilie (vom Soprtanino bis zum Subkontrabaß) zur Patentierung anmeldete, legte er gleichzeitig den Grundstein für die kammermusikalische Verwendung seines neuen Geschöpfes. Für die Militärmuisk entwickelt, fand das Saxophon schon rasch Eingang in die klassische Musik, wie Berlioz „Hymne sacree“ aus dem Jahre 1844 belegt. Auch wenn der große Durchbruch des Saxophons als obligatorisches Instrument des Sinfonieorchesters letztlich nicht gelang, schickte sich Adolphe Sax unermüdlich an, sein Instrument bekannt zu machen, ihm den Weg in die ernste Musik zu ebnen und dabei auch das Quartettspiel voranzubringen. Er erteilte Kompositionsaufträge, führte sie mit seinen Schülern auf und publizierte sie überdies in seinem eigenen Verlag.

Verschollene Werke
Das älteste heute noch bekannte und gespielte Quartett für Saxophone stammt aus der Feder von Sax` Brüsseler Studienkollegusseen Jean-Baptiste Singelee (1812 bis 1875). Das von ihm 1857 komponierte „Premier Quatuor op. 53“ ist eines seiner drei Werke für Saxophonquartett. Die anderen Singelee-Quartette sind, wie so viele in Sax` Verlag erschienenen Kompositionen des 19. Jahrhunderts, verschollen. In seinem „Premier Quatuor“ arbeitet Singelee indes ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte auf: Die vier Sätze beziehen sich musikakisch auf Rossini, Beethoven, Mendelssohn und Meyerbeer.
Als Sax am 4. Februar 1894 in Paris stirbt, schließt sich ein Lebenskreis voller Höhen und Tiefen. Die unzähligen Prozesse um Patente un Urheberrechte verzehrten Vermögen und Gesundheit des genialen Instrumentenbauers. Doch seine Schaffenskraft und Kreativität hinterlassen der Hachwelt ein Juwel: das Saxophon. Wie bereits erwähnt ist nahezu die gesamte Quartettliteratur des 19. Jahrhunderts verschollen. Und so zählen die Werke des Belgiers Raymond Moulaert (1875 bis 1962) und des Humperdinck-Schülers Gustav Bumcke (1876 bis 1963), die wenige Jahre nach der Jahrhundertwende entstehen, zu den ältesten noch bekannten Saxophonquartetten. Bumcke, der als der erste Deutsche Saxophonist und Saxophonlehrer gilt, komponiert seine beiden Quartette „Abendgang“ und „Klage“ im Jahre 1908. Der Berliner wählt dabei, seinem Faible für die tiefen Saxophone folgend, Besetzung Alt-, Tenor-, Bariton- und Baßsaxophon.

1928 -ein wichtiges Jahr
Es sollte weitere 20 Jahre dauern, bis das Saxophon und damit das Quartettspiel neue, entscheidene Impulse erhält. 1928 erwirbt Henri Selmer die Firma Sax und wird so zum Bgrangenführer im Saxophonbau, während dervon ihm geförderte Marcel Mule das Saxophonquartett der Garde Republicaine gründet, das erste beständig und kontinuierlich arbeitende Ensemble seiner Art. Das Mule-Quartett setzt seinerseits bahnbrechende Akzente für die Fortentwicklung des Genres. Es spielt zunächst Transkriptionen Mules, doch schon bald widmen wichtige Komponisten dem Ensemble zahlreiche Kompositionen, von denen nicht wenige auch heute noch zum Standardrepertoire des Saxophonquartetts gehören. So etwa Gabriel Piernes „Introduction et variations sur une ronde populaire“ (1937), Eugene Bozzas „Andante et Scherzo“ (1939), Jean Riviers „Grave et Presto“ (1938) oder Jean Francaix` „Petit Quatuor“ (1935). Während der Aufbau der erstgenannten Werke dem Prinzip folgt, in einem ruhigen ersten Satz bzw. einer „Introduction“ die Klangfarben und -fülle der vier Saxophone vorzustellen, um dann in einem schnellen zwieten Satz die virtuosen Möglichkeiten des Instruments hervorzuheben, ist Francaix` „Kleines Quartett“ ein dreisätziges Kleinod, das aus jeder Note den ebenso sensiblen wie schalkhaften Tonkünstler verrät. Kurios: 55 Jahre nach seinem „Petit Quatuor“ schreibt Francaix sein zweites Werk für Saxophonquartett: die „Suite pour 4 Saxophones (Uraufführung am 20. Oktober 1990). Er komponierte es für ein junges französisches Ensemble, das „Quatuor de Saxophone de Versaille“. Das wichtigste Werk, das je für das Mule-Quartett geschrieben wurde, und auch heute noch als das klassische Saxophonquartett schlechthin gilt, stammt von Alexander Glasunow (1865 bis 1936). Sein „Quartett opus 109“ schrieb der in Paris lebende Russe in weniger als drei Monaten von Anfang März bis Ende Mai 1932. Das dreisätzige Werk („Allegro“, „Canzona variee“, „Finale“) verlabgt den Interpreten nicht nur aufgrund seiner Aufführungsdauer von rund 23 Minuten einiges ab. Glasunow arbeitet in seinem Quartett, das am 14. Dezember 1933 vom Mule-Ensemble uraufgeführt wird, Stationen der Musikgeschichte auf. Ähnlich wie Singelee in seinem „Premier Quatour“ gibt Glasunow eine Zusammenschau der musikalischen Tradition von Bach bis zur Gegenwart, wobei er dem 19. Jahrhundert besonders zugeneigt ist. So übertitelt er die dritte und vierte Variation im zweiten Satz „A la Schumann“ und „A la Chopin“. Glasunoe, der zunächst befürchtete, daß sein Quartett von Bläsern nicht zu realisieren sei, urteilt nach der Uraufführung: „Die Spieler sind so virtuos, das es schwierig ist, sich vorzustellen, daß sie dieselben Instrumente spielen, wie die, die man im Jazz hört.“

Rascher -eine Legende
Daß Glasunows Begeisterung für das Saxophon tiefer saß, als sie ein einziges Stück - und sei es noch so dicht und virtuos - ausdrücken konnte, zeigt die Tatsache, daß er bereits im Jahr der Uraufführung seines Quartetts unter der gleichen Opusnummer ein Konzert für Altsaxophon und Streichorchester schreibt, das er dem legendären Sigurd Rascher widmet. Der berühmte Virtuose ruft 1969 ein Quartett ins Leben, das sich ganz der zeitgenössischen Avantgarde verschreibt.
„Das Saxophon ist ein Instrument, welches durchaus für den modernen Menschen geschaffen ist, der aus Erkenntnis und Freiheit handeln will und seine menschlichen Möglichkeiten in der nobelsten Weise verwirklichen möchte“, so Sigurd Rascher in einem Interview. Sein Quartett wird diesem Anspruch in vollem Umfang gerecht, auch wenn sich die Besetzung in den mittlerweile 25 Jahren seines Bestehens mehrfach änderte.
Nach jahrzehntelanger beispielloser Solokariere (er war der erste Saxophonist, der 1932 als Solist bei den Berliner Philharmonikern auftrat) reift der Entschluß Raschers, ein professionelles Quartett nach seinen musikaliachen und tonalen Richtlinien aufzubauen. Neben seiner Tochter Carina (Sopran) sind es seine Schüler Bruce Weinberger (Tenor) und Linder Ann Bangs (Bariton), die zur Ur-Besetzung zählen. 1971 startet das Rascher-Quartett seine erste Europa.Tournee; heute ist es in allen führenden Konzertsälen der Welt zu Hause. Es gelingt Rascher, bedeutende zeitgenössische Komponisten für das Ensemble zu begeisern. So wurde für das Rascher-Quartett bislang 200 Werke von führenden Tonkünstlern aus 26 Ländern geschrieben. Darunter so klangvolle Namen wie Berio, Xenakis, Gubaidulina, Glass, Genzmer, LeFanu und Erland von Koch. Das Rascher-Quartett beeinflußt nachhaltig die Geschichte des Saxophonquartetts und fördert dessen Emanzipation in der kammermusikalischen Musikszene. In den Konzerten des Ensembles ist es, als ob das Saxophon neu erfunden wird. Die hohe Spielkultur, der virtuose Umgang mit dem Instrument und das feinnervige musikalische Gespür seiner vier Mitglieder beeindrucken und erstaunen immer wieder.

Grenzgang zwischen E und U
Die Geschichte des Saxophonquartetts vollzog und vollzieht sich nicht nur auf dem Gebiet der klassischen, der sogenannten E-Musik. Längst schon zählen Kompositionen wie Phil Woods „Three improvisations“ oder Werke David Liebmans zum Repertoire selbst jener Quartette, die sich eigentlich der klassischen Musik verschrieben haben. Eines der ersten Ensembles, da quasi „interdisziplinär“ arbeitet und Klassik und Jazz in seinem Repertoire verschmelzt, war das New York Saxophone Quartett, das ende der fünfziger Jahre entstand und un seiner ersten Besetzung so renomierte Jazzgrößen wie Stan Getz und Al Cohn beheimatete.Völlig den vielfältigen Schattierungen des Jazz zugetan ist ein 1976 gegründetes Ensemble, das sich in aller Bescheidenheit „World Saxophone Quartett“ nennt. Ein Jahr später fand sich das Rova-Quartett zusammen, das als avantgardistischer Grenzgänger zwischen E-Musik und Jazz firmiert. Dem Beispiel der drei genannten folgend, agierten in der Folgezeit zahlreiche Saxophonquartette. Zu den führenden Formationen zählen heute die „Itchy Fingers“, das „29th Street Saxophone Quartett“ und das „Your Neighbourhood Saxophone Quartett“.
Zurück zur Klassik und zur deutschen Szene. Abgesehen von dem Rascher.Quartett, das nach wie vor einen exponierten Status einnimmt, gibt es mittlerweile eine Ganze Reihe professionell arbeitender Ensembles. Eines davon ist Berliner Saxophonquartett, das sich seit seiner Gründung 1983 einen Namen im In- und Ausland machte. Mit dem Sopranisten Detlev Bensmann und dem Baritonisten Friedemann Graef hat es zudem zwei Akteure in seinen Reihen, die auch als Solisten sowie als Komponisten und Arrangeure auffielen. So arrangierte Friedemann Graef Johann Sebastian Bachs komplette „Kunst der Fuge“ für Saxophonquartett und schrieb mit seinem“ROndO“ zudem ein effektvolles Stück zeitgenössischer Quartettliteratur.

Neue Horizonte
Die Quartettkultur entwickelt und verbreitet sich zusehends. Doch steigt nicht nur die Zahl der Ensemblegründungen. Die Verlagskataloge weisen zunehmend mehr Bearbeitungen und Orginalwerke für Saxophonquartett aus und richten sich gleichermaßen an Laien wie Profis. Auch mehren sich die Auftrittsmöglichkeiten. Es mag an dem exotischen Flair liegen, das dem Saxophonquartett in der klassischen Kammermusikszene nach wie vor anhaftet. Die Palette reicht vom großen Konzertsaal über Vernissagen bis hin zu weitverzweigten unterhaltsamen Anlässen.Die wachsende Quartettkultur hat mit dazu beigetragen, daß sich das Saxophon als ernstzunehmendes Instrument nicht nur der U-, sondern auch der E-Musik emanzipiert hat. Und das ist gut so. Größere Ensembles, wie etwa Linda Ann Bangs Süddeutsches Saxophon-Kammerorchester, das seit 1990 mit Erfolg besteht, erweitern den saxophonistischen Horizont. Perspektiven des Zusammenspiels, etwa das reizvolle „Konzert für Saxophonquartett und Blasorchester“ von Franz Cibulka, zeigen, daß das künstlerische Terrain des Saxophonquartetts noch längst nicht ausgereizt ist.
Noch dominieren die klassischen Standartwerke der Mule-Ära das Repertoire vieler Quartette. Und noch gibt es in der Fülle von Neuveröffentlichungen sehr viel Spreu und wenig Weizen. Deshalb bleibt zu wünschen, daß weitere namhafte Komponisten dem Beispiel eines Harald Genzmer oder einer Ida Gotkovsky folgen und ansprechende Orginalwerke für Saxophonquartett schaffen.