Das Saxophon im Orchester

von Willy Krenz, erschienen in der Clarino vom

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3. Teil Verwendung
Als Adolphe Sax um das Jahr 1844 sein erstes „Baß“Saxophon entwickelt hatte, konnte er noch nicht ahnen, welche große Bedeutung seiner Erfindung zukommen würde. Das ursprüngliche „Instrument der Baßlage“wurde sofort zu einer ganzen Instrumentenfamilie, vom Kontrabaß- bis zum Sopranino-Saxophon, ergänzt und bereits 1845 in die französische Militärmusik eingeführt.Heute verwendet man vor allem das Alt- und Tenorsaxophon, seltener auch das Bariton- und das Sopransaxophon; das ergibt einen Tonumfang von mehr als vier Oktaven (klingend: großes C bis zum dreigestrichenen e). Die Notation ist einheitlich im Violinschlüssel und die Grundgriffe sid bei allen Saxophonen gleich - so kann ein Spieler mit konrolliertem Einsatz verschiedene Saxophone abwechselnd spieln.Ein geschulter Saxophonist kann seinem Instrument einen unvergleichlichen Klangreichtum entlocken, verbunden mit universellen Einsatzmöglichkeiten: mit oder ohne Vibrato, leise wie eine Klarinette, laut wie eine Trompete, schnell wie eine Flöte. Der klang des Saxophons verbindet sich wunderbar mit Streichinstrumenten und ebenso mit den Blasinstrumenten. Gerade im Blasorchester schafft das Saxophon eine Verbindung zwischen Holz und Blech und stellt außerdem ein völlig eigenes Register dar.
Ein Saxophonsatz in einem Blasorchester hat kompositorisch seine Berechtigung, wenn er - von Tutti-Stellen abgesehen - nicht als Verdoppelung oder Verstärkung eines bestehenden Registers verwendet wird. Erst eine instrumentengerechte, gänzlich autonome Führung der Saxophongruppe oder auch deren solistische Verwendung bringen neue, reizvolle Nuancen in die Farbenpalette des Blasorchesters. Je nach Musikstil können die Saxophone wirkungsvoll als Kontrast zu den Hörnern verwendet werden, wobei der komplette Tonumfang vom Euphonium bis zum Flügelhorn abgedeckt wird. Nur sollte man sich bewust sein, daß die Saxophone im Vergleich zu den Hörnern ganz andere musikalische Ausdrucksmöglichkeiten haben.
Bei manchen Blasmusikwerken gibt es keine Saxophonstimmen, und so kann es vorkommen, daß der Saxophonsatz mit irrgendwelchen „passenden“ Stimmen beschäftigt wird, zum Beispiel Althorn-Melodie, Tenorhorn I, Bariton, Es.Baß, eventuell auch Fagott oder sogar „Es-Klarinetten-Ersatz“. Eine solche Verwendung ist zunächst einmal eine Beschäftigungsmöglichkeit für Saxophonisten und eigentlich eine Abwertung für einen Saxophonsatz. Ein bequemer Tonumfang auf einem Blechblasinstrument ist etwa vom kleinen b bis zum zweigestrichenen f (bei Violinschlüsselnotation). Für einen Amatuer-Saxophonisten liegt dieser Idealbereich - grob gesprochen - eine Quinte höher, also zwischen f1 bis c3. So ist es zum Beispiel für einen Tenorsaxophonisten (Amateur) oftmals von vorherein unmöglich, eine (1.) Tenorhornstimme gut zu bewältigen, wenn diese zu tief geführt ist. Ganz abgesehen davon gibt es technisch bedingt Passagen, die nur entweder auf einem Holz- oder auf einem Blechblasinstrument die gewünschte Wirkung erzielen. Ein nachträgliches Hinzufügen von Saxophonstimmen zu einer bereits bestehenden Instrumentation verlangt enorme Sachkenntnis, wenn man die Saxophone sinnvoll und instrumentengerecht verwenden will.
Auch heute noch gibt es gut besetzte, leistungsfähige Blasorchester , die“lieber auf Saxophone verzichten“, was am ehesten auf den Mangel an geschulten Bläsern zurückzuführen ist. Auffallend zeigen uns die Blasorchester gerade in Frankreich, Belgien und in den Niederlanden eine eigene Tradition mit vollausgebautem Saxophonsatz, ofmals sogar chorisch besetzt, zum Teil mit mehr als zehn Saxophonisten. Besonders in diesen Ländern treffen wir sehr häufig den Besetzungstyp „Fanfare“ an, der gekennzeichnet ist durch die gleichwertige Gegenübersellung von Blechbläsern und Saxophonen. Dieser auffallende Unterschied in der Wertschätzung der Saxophone liegt letztlich allein in der unterschiedlichen Lehrtraditon und Lehrerfahrung auf diesem Instrument begründet.
Das Saxophon, als eigenständiges Instrument von wirklich geschulten Bläsern gespielt und von der Komposition her sinnvoll verwendet, stellt eine absolute Bereicherung dar und sollte deshalb in keinem Blasorchester fehlen. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, und es sollte der Situation angemessen bleiben, ob man zum Beispiel bei einem historischen Marsch bewußt keine Saxophone besetzt (und dafür lieber „historische Uniformen“ verwendet).
Es ist von graßem Gewinn, daß sich das Blasorchester als solches weiterentwickelt hat, und es wäre nur von historischem Interesse, wenn man beispielsweise die bekannte Ouvertüre für Harmoniemusik in C-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy (op. 24) in der ursprünglichen Besetzung mit historischen Instrumenten in C/F-Stimmung aufführte.
Ein Grundproblem bei der Verwendung des Saxophonsatzes ist die genaue Stimmenverteilung. Ausgehend von einem vierstimmigen musikalischen Satz wären also vier Saxophone zu besetzten. Nach amerikanischem Muster empfielt sich die Verwendung von zwei Altsaxophonen, einem Tenor- und einem Baritonsaxophon. Demgegenüber steht der fünfstimmige Saxophonsatz einer Big Band mit zwei Alt-, zwei Tenorsaxophonen und einem Baritonsaxophon. Auch bei deutschen Musikverlagen ist der Saxophonsatz meistens fünfstimmig vorgesehen, also mit 1. und 2. Tenorsaxophon. Oftmals treffen wir bei Schweizer Verlegern eine klassische Saxophon-Quartettbesetzung mit Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon an, vor allem bei Werken für „Blechmusik“ (Fanfare mixte) - gerade hier übernimmt das Sopransaxophon recht exponierte Stellen.
Man muß sich wirklich überlegen, inwieweit das Saxophon mit dem Blechorchester ernst genommen wird; oder ist es etwa nur als Lückenbüßer oder als „Gag-Maschiene“ für Unterhaltungsmusik willkommen? Selbst ein Höchstklasse-Musikverein kann (konnte) in der Schweiz wahlweise mit oder ohne Saxophone spielen; das weglassen eines anderen Registers allerdings wäre undenkbar. Ob ein Blasorchester nun vorwiegend Trompeten, Kornette oder Flügelhörner bestzt hat, spielt oftmals keine so entscheidene Rolle für die Komposition, da diese Instrumente meistens in genügender Anzahl besetzt sind und auch eine einheitliche Baugröße und Stimmung haben. Bei einem Saxophonsatz dagegen ist es äußerst wichtig zu wissen: Grauche ich ein oder zwei Tenorsaxophone? Muß das Sopran bestzt sein? Wie wichtig sind die Saxophone überhaupt? Eventuell sind sie sogar solistisch (!) vertreten. Es muß in jeder Komposition klargestellt sein, ob es sich nur um „ad-lib.-Füllstimmen“ handelt.

Diese Vielfalt will ich bei verschiedenen Schweizer Komponisten mit Beispielen erläutern:
Stephan Jaeggi (1903 bis 1957): Er selbst hatte nie Saxophone in seinem Orchester besetzt. Für ihn waren Saxophone möglich als Ersatz zum Beispiel für Oboe, Englischhorn, Alt-Klarinette, eventuell Es-Kornett; uneuntbehrlich sin sie, wenn man seine Kompositionen mit „Blechmusik“ (Fanfare mixte) spielen will.
In folgenden Werken sind ausnahmslos vier Saxophone besetzt, und zwar immer Sopran, Alt ,Tenor und Bariton:
„Romantische Ouvertüe in B-Dur“
„Im Frühjahr“ (Alt-Saxophon Es identisch mit Althorn Es mel.)
„Engiadina“ (1944), Partitur, manchmal Zusätze, zum Beispiel AS+TS: nur bei Blechmusik obligat, AS: bei Blechmusik Solo, bei Harmoniemusik Solo in Ermangelung von Englischhorn „Titanic“ (1921), sehr variable Besetzungsmöglichkeit, „Mischklang“, verschiedene Instrumentengruppen können sich durch weglassen anderer Stimmen herauslösen und eine Einheit bilden (Anweisungen des Dirigenten). Beispielsweise haben wir in den Takten 309 und 315 (Seite 11, zwischen T und U) die Anweisung:eventuell Sax.-Quartett,wobei allerdings an den betreffenden Stellen jeweils fünf Stimmen zu spielen sind, was wiederum verschiedene Möglichkeiten offenläßt. (Das SS übernimmt entweder die 1. Oboe-, Es-Kornett-Stimme oder die 1.Klar.-Solo-Stomme). Ohne Saxophone wird die Stelle mit Oboe, 1., 2., 3. Klarinette und Fagott (Es-Baß) gespielt.Bei „Blechbesetzung“ spielen entweder Saxophone (+ Es-Kornett/1. Flgh.Solo) oder wirklich nur das Blech mit Es-Kornett, 1. Flgh. Solo, 1. Corno, 1. Tenorhorn und Es-Baß (Druckfehler in Tenorsax-Stimme, ein Takt von U zwei Takte einfügen, wie 4. und 5. Takt nach T).

Paul Huber (1918)
„Postludium“ (1969), S., A., T., Bar.
In folgenden Werken ist das Saxophon nue dreifach vertreten mit A., T., Bar.:
„Der Dämon“ (1966)
„Festlicher Bläserchor“ (1974)
„Choral, Variationen und Fuge“ (1978)
„Burlesca“ (1983)

Jean Daetwyler (1907)
„Major Davel“ (1981), ebenfalls A., T., Bar.

Albert Benz (1927 bis 1988)
„Der Landfogt von Greifensee“ (ca.1975), 2 A., T., Bar. (amerikanische Norm)

Franz Königshofer (1901 bis 1970)
„Delisches Tanzspiel“ (1965), Metallklarinette in B - Sopransax, Althorn Es Melodie - Altsaxophon, separate TS-+Bar.-Saxophonstimme

Albert Jenny (1912), Otto Zurmühle (1894 bis 1974)
„Rotary Convention“ (1958), Althorn Melodie - Altsaxophon, 1. Tenorhorn - Tenorsaxophon

Im großen und ganzen ergibt sich ein trauriges Bild mit einer eher zufallsbedingten Saxophonbesetzung, ohne Eigenständigkeit, vor allem wenn man bedenkt, daß in den USA schon 1910 der Saxophonsatz fast ausnahmslos vierstimmig besetzt wurde (mit 2 A., 1 T., 1 Bar.).
Ein dreistimmiger „Saxophonsatz“, vielleicht nur aus verlagstechnischen Gründen hinzugefügt, scheint mir einfach recht dürftig, während docg im gleichen Stück die Hörner meistens vierfach besetzt sind und dazu noch 1., 2. (3.) Tonorhorn zuzüglich Bariton.
Man muß also hinsichtlich der Saxophonverwendung unterscheiden zwischen Kompositionen mit :
überhaupt keinen Saxophonen,
hineingefügten Saxophonstimmen analog zu den „Hörnern“,
hinzugefügten separaten (instrumentengerechten) Saxophonstimmen,
vorgesehenem Saxophon, das aber völlig unwesentlich ist (verlagstechnische Gründe),
bewußtem Miteinbeziehen von mindestens drei, vier oder fünf Saxophonstimmen als wesentlicher Bestandteil der Komposition.
Vielfach sind Saxophone ein willkommener Ersatz, zum Beispiel für Oboe, Englischhorn, Alt-Klarinette, eventuell Es-Kornett.
Eine gewisse Eigenständigkeit und Wichtigkeit erhalten die Saxophone in der „Blechmusik“ (Fanfare mixte), wobei dem Saxophon sehr charakteristische Stellen des „fehlenden Holzregisters“ zukommen, vor allem das Sopransaxophon dient oft als „Ersatz“ für Es-Kornett, Oboe, 1. Klarinette, Flöte.
Das Saxophon ist ein Musikinstrument wie jedes andere. Um ein gutes Resultat zu erreichen bgraucht es die gleiche Arbeit wie bei jedem anderen Musikinstrument. Vor allem beim Saxophon ist es sehr leicht, es schlecht zu spielen. So scheint es mir wichtig , daß auch bei jungen, ausgebildeten Schülern das Interesse an der Blasmusik gefördert wird. Im Sax-Register wird man die beste Homogenität erreichen können, wenn man sich nach einer entsprechenden Lehrmethode orientiert und nach Mögichkeit auch einheitliche Mundstücke verwendet. In vielen Blasorchestern wird es noch ein beschwerlicher Weg sein, bis die Saxophone voll Akzeptiert sind.

Willy Kenz